Weinrallye #92: Farbe bekennen

 Ein Beitrag zur Weinrallye #92: "Farbe bekennen" ausgerichtet von Christin Jordan vom Blog Hauptsache Wein!
Als ich das Motto der 92. Weinrallye für November las, das da lautet „Farbe bekennen“, da habe ich gedacht, dass ich etwas über Rotweine schreiben würde, das war vorher …


… jetzt ist nachher und ich habe eigentlich immer nur noch drei Farben im Kopf: bleu, blanc und rouge. Am Abend des 13. November war ich in einem Konzert mit französischen Freunden. Es war ein herrlicher Abend, wir tranken Muskateller, hörten Lieder von Jacques Brel, Charles Aznavour und Klaus Hoffmann. Es war ein bisschen  so als wären wir in Frankreich … eine herrliche Stimmung. Zum Abschied haben wir beschlossen bald wieder einen solchen Abend gemeinsam zu verbringen, bald wieder in ein solch wunderbares Konzert zu gehen, bald wieder gemeinsam nach Frankreich zu fahren, bald wieder … ach tausend Dinge eben an die man so denkt, wenn ein einfach wundervoller Abend langsam sein Ende findet.



Zur gleichen Zeit starben in Paris Menschen, sie wurden Opfer von Terror, von Hass, von Menschenfeindlichkeit und von Intoleranz. Wir wussten es nicht. Daheim angekommen tranken wir noch einen Wein, einen schönen französischen Roten, der passte gerade so gut und hörten uns das Jacques Brel Konzert von Klaus Hoffmann in Paris an. Zur gleichen Zeit starben noch mehr Menschen, vollkommen sinnlos, Opfer von Terror, Hass und Intoleranz. Wir gingen ins Bett, schliefen gut, träumten noch von dem wundervollen Abend, doch dann kam das Erwachen, ein böses Erwachen … Der Wecker klingelte um 8 Uhr und das erste das wir hörten war: Terroranschlag in Paris: 128 Tote etwa 200 Verletzte … Sprachlosigkeit – Schockstarre – die Frage, ob die Menschen, die man in Paris kennt alle wohlauf sind, wie geht es den ganzen französischen Freunden in Deutschland, sind all ihre Lieben wohlauf? Dank Facebook und Twitter haben wir schnell erfahren, dass es allen gut ging, zumindest allen, die wir kennen. Aber was heißt in dem Zusammenhang schon gut?
Sie waren alle noch am Leben, sie waren nicht verletzt, sie waren nicht an diesen Orten gewesen an denen fanatische Menschenhasser Angst, Terror und Tod verbreitet hatten und sie hatten auch keinen ihrer Lieben verloren. Aber diese Sprachlosigkeit, die Schockstarre, die herrschte auch bei ihnen. Aber sie wich, sie wandelte sich und an ihre Stelle traten Trotz und der Wille das eigene Leben nicht diesen Fanatikern zu opfern. Nicht klein beizugeben, sich nicht zu verkriechen, sondern aufzustehen und das Leben zu leben. Das Leben zu leben, das diese Terroristen so sehr verachten, so sehr hassen und das sie uns allen so gerne nehmen wollen.
Seither gehen mir die drei Farben nicht mehr aus dem Kopf: bleu, blanc und rouge und mir fiel eine alte Fahne wieder ein. Sie war vor beinah 30 Jahren einmal das Titelbild einer Ausstellung zur französischen Revolution und auf ihr steht: „Vivre libre ou mourir“, der erste Schlachtruf der Französischen Revolution. Frei leben oder sterben …
Bei Facebook schrieb ein Franzose (Antoine Leiris) kurz nach den Anschlägen bei denen er seine Frau verlor „Vous n’aurez pas ma haine“ (Meinen Hass bekommt ihr nicht) und ich möchte rufen: Nein, meinen auch nicht, denn dann hättet ihr gewonnen und ich will nicht, dass ihr gewinnt und so bekommt ihr weder meinen Hass, noch bekommt ihr meine Angst, denn die habe ich nicht vor euch. Alles was ihr bekommt ist mein Widerstand, mein Wille frei zu leben, selbst zu entscheiden wie ich lebe und wo ich hingehe, mit wem ich mich treffe und was ich unternehme und so fahre ich nach Frankreich und besuche dort die Weihnachtsmärkte, setze mich in die „Bar a la lune“ und trinke wie immer meinen Cremant, denn das ist meine Art zu leben und die nehmt ihr mir nicht.
Und noch etwas wird mir klar, auch wenn ich mit dieser Meinung wahrscheinlich recht einsam sein werde: Wir sind nicht im Krieg, auch wenn ich verstehe, dass viele das so sehen. Ich verstehe, dass Frankreich und viele andere westliche Länder nun wieder einmal mit Militärschlägen antworten, aber es ist der falsche Weg. 2001 hatten wir ein paar hundert islamistische Terroristen auf diesem Planeten, dann erklärte Georg W. Bush den Krieg gegen den Terror und heute? 14 Jahre später? Wir haben 100.000e von islamistischen Terroristen auf dem Planeten … dieser Weg ist falsch, er war es immer und wird es bleiben, auch wenn ich verstehe, warum viele Politiker und auch viele Menschen in Europa und der westlichen Welt so reagieren.
Während ich dies schreibe wird mir bewusst, dass eine meiner drei Farben bleu, blanc und rouge die eigentlich beherrschende Farbe ist: ROUGE! Im Augenblick steht sie für das Blut, das vergossen wird, sinnlos und von dem, so fürchte ich, noch mehr vergossen werden wird. Aber ROUGE steht auch für Liebe und die sollten wir in den Vordergrund stellen. Unsere Lehre aus alle dem sollte sein, dass mehr Liebe und weniger Hass die Welt nach vorne bringt. Eine Lehre, die ich  - so glaube ich – erst richtig verstanden habe, als ich den Facebook-Eintrag einer 22-jährigen Französin (Isobel Bwodrey) las, die im Bataclan war und den ganzen Horror, die Angst, das Leid und den Tod erlebt hat – hautnah. Sie schrieb: „you never think it will happen to you. It was just a friday night at a rock show. […] and then when the men came through the front entrance and began the shooting […] It wasn't just a terrorist attack, it was a massacre. […] Last night, the lives of many were forever changed and it is up to us to be better people. to live lives that the innocent victims of this tragedy dreamt about but sadly will now never be able to fulfil.“
Eine Woche später war ich wieder in einem Konzert, diesmal war es Stepan Sulke und wieder begann ich den Abend mit meinem geliebten Muskateller, denn ich wollte ihn nicht auf ewig mit den Anschlägen in Paris verbinden.
Doch Sulke begann sein Konzert sehr ungewohnt: A capella mit dem Lied „Ach du lieber Gott“ in dem es heißt:
„Du Lieber Gott
Komm doch mal runter und schau Dir die Bescherung selber an
Du Lieber Gott
Komm doch mal runter. Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann“
Ein paar Tage später dann die Erklärung: Er war betroffen, denn ein Freund kam bei dem Anschlag ums Leben und am nächsten Morgen nach dem Konzert dann die Nachricht vom Ausnahmezustand in Brüssel …
Seither wird noch mehr über Krieg geredet, über Angriffe, darüber, dass auch die Bundeswehr an diesen Angriffen teilnehmen wird … doch ich bin immer noch der Meinung, dass dies der falsche Weg ist und mir geht einfach ein Lied von Sulke nicht aus dem Kopf: „Hass und Krieg sind die allerdümmsten Brüder, die es gibt“! Auch wenn ich den Hass verstehe, den Wunsch Rache zu üben, den Wunsch nach Vergeltung, ein Krieg ist der falsche Weg!
Um den Kreis zu schließen fällt mir ein Zitat von Charles Aznavour ein, einem Franzosen mit armenischen Wurzeln, der sagte: „Ich bin ein katholischer Franzose mir armenischen Wurzeln, meine Frau ist protestantische Schwedin, … ich habe einen algerischen Schwager, der Muslim ist, und einen jüdischen Enkel. Wir verstehen uns, weil wir nicht über die Religion des anderen diskutieren, sondern sie respektieren.“ Wobei auch das wohl nicht helfen würde, denn den Mördern der IS geht es nicht um Religion, es geht nur um Terror. Die Religion ist für sie nur ein Vehikel, nimmt man es ihnen weg, so suchen sie sich ein anderes.

Kommentare

  1. Ein besinnlicher,ein schöner Einstieg in die Weinrallye. Ich danke für den Mut, den Wein einmal (fast) beiseite zu lassen und das zu formulieren, was so viele von uns jetzt bewegt. Nein, Du bist nicht allein mit Deiner Meinung, Krieg ist der falsche Weg. Lasst uns den richtigen finden! Dies die Meinung eines Schweizers, der zu grossen Teilen in Südfrankreich lebt. Danke! Ich hoffe, wir lesen in der Weinrallye bald wieder etwas von Dir

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